Die aufgehobene Scheinhauptteilung von Zams hat das allgemeine Interesse auf die Hauptteilungen der Agrarbehörde gelenkt. Ein besonders spektakulärer Fall in Bezug auf Größenordnung und Entstehungsgeschichte ist die Hauptteilung von Kals.
Anfang der 1970er Jahre wurde fast das gesamte Eigentum der Gemeinde Kals durch die Agrarbehörde mittels einer vorgeblichen Hauptteilung an neu gebildete Agrargemeinschaften übertragen. Es handelte sich um Gemeindegut im Ausmaß von fast 8 000 ha (79 836 244 m²). Der Gemeinde verblieben rund 10 ha (98 993 m²) an Gemeindevermögen. Die Landkarte links verdeutlicht die Dimension in Bezug auf die gesamte Talfläche.
Die Hauptteilung war eine Brachialaktion der Tiroler Landesregierung im Vorfeld eines energiewirtschaftlichen Großprojektes. Ein bodenreformatorischer Ansatz ist in den Auskünften der Agrarbehörde, bis auf einige minimale kosmetische Grundzusammenlegungen, nicht zu erkennen, weshalb der Sinn der Anwendung des TFLG hinterfragt werden muss.
Die Hauptteilung des Gemeindegutes von Kals hat mehrere Agrargemeinschaften begründet. Darunter die Agrargemeinschaft Dorfertal als Eigentümerin der Flächen, wo das Kraftwerksprojekt entstehen sollte. Die zu erwartenden Ertragsflüsse aus der Projektabwicklung wurden damit vorsorglich von der Gemeinde auf den neuen Alleineigentümer Agrargemeinschaft umgeleitet. Der erwartete Cashflow wurde damit der Verwaltung nach der Tiroler Gemeindeordnung entzogen und den Regeln des TFLG für private Agrargemeinschaften sowie der Aufsicht und dem Einfluss der Agrarbehörde unterstellt. Der Gemeinderat hat der Hauptteilung und der Entmachtung zugestimmt. Er hat bereits im Planungsstadium auf bedeutende Erträge für die Gemeinde zugunsten einiger Nutzungsberechtigter verzichtet.
Das energiewirtschaftliche Großprojekt
Der Auszug eines Artikels der Wissenschaftsredaktion des Der Standard sei hier zur Verdeutlichung der Größenordnungen zitiert:
Der Standard, 27. Juni 2019 von Klaus Taschwer
Wie Österreichs höchste Staumauer verhindert wurde – Forschung Spezial – derStandard.at › Wissenschaft
„Für ein Staukraftwerk ist das der perfekte Ort: eine enge Schlucht, die relativ leicht abzusperren ist, und dahinter das riesige Tal als gewaltiger Wasserspeicher.“
Frühe Kraftwerkspläne
Das wurde auch von der E-Wirtschaft früh erkannt: Bereits in den 1920er-Jahren gab es erste Ideen für die energiewirtschaftliche Nutzung der Gewässer im heutigen Osttiroler Nationalparkgebiet, und einer der sieben geplanten Speicherseen hätte das Kalser Dorfertal fluten sollen. Diese Pläne wurden Anfang der 1970er-Jahre nicht zuletzt wegen der Ölkrise wiederaufgenommen.
Das damals präsentierte Planungsmodell, das auch als „Brutalvariante“ bekannt wurde, sah vor, dass 17 Gletscherbäche in einen Großspeicher abgeleitet werden sollten, aufgestaut von der 220 Meter hohen Talsperre. (Zum Vergleich: Österreichs höchste Talsperre, die Kölnbreinsperre im Maltatal in Kärnten, ist 200 Meter hoch.) Der gefüllte Speicher hätte einen Energiegehalt von 814 Gigawattstunden aufgewiesen und wäre der größte Speicher Österreichs geworden, der vor allem zur Produktion von Spitzenstrom gedient hätte.“
Die seit 1920 gewälzten Ideen wurden unter dem NS-Regime zu Plänen einer gigantischen Kraftwerksgruppe mit Speicherseen und entsprechenden Zuleitungen erweitert, die von Kaprun und Krimml, bis hin nach Heiligenblut in Kärnten, über das Dorfertal ins Matreier Tauerntal und nach Virgen reichen sollte.

